Sara und Nils - bald zu dritt

Infoabend im Geburtshaus, Mittwoch, 20 Uhr
Sara und Nils kommen auf den letzten Drücker. Das Deckenlicht ist ausgeschaltet. Kleine Lampen tauchen den Raum in ein angenehmes Licht. Die Pezzibälle sind an die Wand gerollt. Hier finden sonst die Kurse zur Rückbildungsgymnastik und Geburtsvorbereitung oder andere statt. Fast alle Stühle im Kreis sind schon besetzt. Die meisten Frauen sind mit Partner gekommen.

 

Fragen an die Hebammen
Kleine Bäuche, große Bäuche. Bei allen Frauen ist es schon zu sehen, dass sie ein Kind erwarten. Die beiden Hebammen stellen zuerst sich und dann das Geburtshauskonzept vor. Anschließend wird der Ablauf "vom Elternabend bis zum ZWEITEN Kind im Geburtshaus" besprochen. Sara kramt nach ihrem Zettel, sie hat sich ihre Fragen notiert.

"In welchem Umfang kann ich die Vorsorgen im Geburtshaus wahrnehmen?" "Kann ich Schmerzmittel bekommen?" Und überhaupt: "In welcher Position ist es am einfachsten, das Kind zu bekommen?" "Wie ist die Nachsorge geregelt?" Nach gut einer Stunde sind alle Fragen beantwortet. Die Fragen, die sie nicht in der offenen Fragerunde stellen möchte, stellt sie einer der Hebammen während der Führung durch die Geburtsräume.

Führung durch die Geburtsräume
Weil sich heute keine Geburt angekündigt hat, führen die Hebammen die Paare durch die beiden Geburtsräume. Zwei große Badewannen, zwei Betten mit Schaukeln, Wickeltische, nichts erinnert an Kreißsaal. Stattdessen wirken die Teelichter, das Duftöl und das warme Rot der Bettwäsche wie ein bunt bemaltes Willkommensschild. Sara und Nils entscheiden sich sofort: Hier soll Lisa-Marie zur Welt kommen. Sie nehmen den Anamnesebogen für das 1. Kind mit. Gleich am nächsten Tag rufen sie im Büro an und machen einen Termin für die 1. Vorsorge aus.

 

 

1. Vorsorge im Geburtshaus
Diesmal ist Sara allein gekommen. Sie sollte sich auf ungefähr eine Stunde Gespräch einstellen, wurde ihr am Telefon gesagt. So lange kann sich Nils von seinem Job nicht loseisen. Macht nichts. Hauptsächlich geht es darum, ein möglichst genaues Bild von ihrer Krankheitsgeschichte und dem Verlauf der Schwangerschaft zu bekommen. Deshalb auch der sechsseitige Fragebogen, der am besten vor der 1. Vorsorge zu Hause in Ruhe ausgefüllt wird. Da es keine Auffälligkeiten gibt, steht einer Geburt im Geburtshaus nichts im Weg. Sara macht einen Termin für das Aufklärungsgespräch aus.

Aufklärungsgespräch                                                                                                                                                                  Zum Aufklärungsgesräch kommt Nils mit. Hebamme Nora erklärt beiden, die Unterschiede zwischen einer Kliniksgeburt und einer Geburt im Geburtshaus, welche Stolpersteine es gibt und wann der Geburtsort Richtung Klinik verlegt wird. Ausführlich geht es darum, warum Sara und Nils ihr Kind im Geburtshaus zur Welt bringen wollen, was ihnen bei der Geburt wichtig ist und wie sie zu einer Verlegung in die Klinik eingestellt sind. Zum Schluss bekommen sie die Verträge und die Kostenbeteiligung für die Rufbereitschaft mit. Sie haben eine Woche Zeit, sich Gedanken zu machen und sie zu entscheiden. Nils und Sara sind sich sicher. Sie schicken am nächsten Tag die Unterlagen ins Geburtsshaus.

 

Hebammenteam
Sara erfährt, dass Team aus acht Hebammen besteht. Sara kann sich die Termine für die Vorsorgeuntersuchung gleich bei einer Hebamme geben lassen und auch mit Nils den Geburtsvorbereitungskurs besuchen. Die Chance ist sehr groß, dass sie bis zur Geburt "ihre" Hebamme, die zum Geburtstermin Dienst hat, schon im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen, bei Kursen oder bei der Akupunktur kennengelernt hat.

Vorsorgeuntersuchung im Geburtshaus
Sara entscheidet sich, die Vorsorgeuntersuchungen abwechselnd bei ihrer Frauenärztin und im Geburtshaus machen zu lassen. Im Team besprechen die Hebammen wöchentlich jede einzelne Schwangerschaft. Damit jede Hebamme jede Frau und ihren Schwangerschaftsverlauf kennt. Sara hat Wassereinlagerungen und so dicke Füße, dass sie Nils Schuhe tragen muss. Aber das ist kein Problem für die Geburt.

Informationen über den Cityruf
Bei der letzten Vorsorgeuntersuchung erfährt Sara, dass der Kopf ihres Babys schon fest im Becken sitzt. Der Termin rückt näher. Kommt Lisa-Marie pünktlich, wer wird an diesem Tag Dienst haben? Sie erfährt, wie sie die Hebamme über den Cityruf erreichen kann.

Das Baby kündigt sich an
Sara hat Wehen. Es ist 23 Uhr. Sie ruft doch besser mal die Hebamme an. Sie klingelt beim Cityruf durch, gibt ihren Namen und ihre Telefonnummer an und eine kurze Nachricht für die Hebamme. Susanne ruft zurück. Wie lange die Pausen zwischen den Wehen sind? Etwa zehn Minuten. Dann haben wir noch Zeit, sagt Susanne. Sara kann noch ein Bad nehmen und sich wieder hinlegen. Wenn sich was tut, die Fruchtblase springt oder die Wehen heftiger werden, soll Sara sich gleich melden. Egal, wie spät es ist.

Die Taschen sind gepackt
Sara ist beruhigt und lässt Wasser ein. Das tut gut und auch die Wehen, kleine Wellen des Schmerzes, lassen sich so besser aushalten. Aber schlafen kann sie nicht. Sie überprüft noch mal, ob auch alles gepackt ist. Hebamme Lisa hatte ihr neulich eine lange Liste mitgegeben: Nachthemd, Massageöl, Tee, Babysachen, Fotoapparat und Mutterpass, Binden und dicke Socken, Waschlappen, Handtücher - eine große Tasche vollgestopft.

Die Fruchtblase springt
Um drei Uhr ist es soweit. Ein kleiner Schwall Flüssigkeit zeigt ihr, dass die Fruchtblase gesprungen ist. Die Wehen sind jetzt auch stärker, die Abstände kürzer. Nils ruft über den Cityruf noch einmal an. Ja, macht euch auf den Weg. Nils schleppt die Tasche und Sara hievt ihren dicken Bauch ins Auto. Zum Glück ist es vollgetankt.

Im Geburtshaus angekommen
Eine dreiviertel Stunde später, mitten in der Nacht, klingeln sie im Geburtshaus. Drinnen ist es ganz still. Susanne macht die Tür auf, die Kerzen im großen Geburtszimmer sind schon angezündet. Alles ist bereit für die Geburt von Lisa-Marie. Während Nils das Bett mit der knallig-gelben Bettwäsche von zu Hause bezieht, untersucht Susanne Sara. Sie fragt sie nach der Farbe des Fruchtwassers und tastet vorsichtig nach dem Muttermund, der allerdings noch nicht weit geöffnet ist.

Ein erstes CTG
Susanne schreibt ein CTG, die Wehen kommen nun alle fünf Minuten und dauern eine Minute. Sara muss bereits kräftig atmen, um nicht von den Wellen fortgezogen zu werden. Sie ist froh, dass Nils mit dabei war beim Geburtsvorbereitungskurs. Denn die Wehen sind so heftig, dass sie das richtige Atmen schon mal vergisst. Dann ist es gut, wenn Nils vorschnauft und sie einfach nur nachmachen muss. Während der Wehen hält sie sich mal an der Wickelkommode fest, mal probiert sie es auf dem Pezziball, aber laufen ist besser. Die beiden kommen gut klar. 

Das Baby macht Pause
Es ist 7 Uhr. Susanne stellt fest, dass der Muttermund erst drei Zentimeter geöffnet ist. Sara ist enttäuscht. So heftige Wehen und doch kein richtiger Fortschritt. Sie merkt, wie ihre Kraft langsam nachlässt. Schließlich hat sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Nils holt erst mal Frühstück für alle. Sara hat keinen Appetit, sie will nur etwas Kaffee trinken. Inzwischen ist es 9 Uhr, Susanne Dienst ist zu Ende. Sie bleibt noch ein bisschen, aber die Regie hat nun Katja übernommen.

Eine neue Hebamme kommt
Katja versucht Sara wieder Mut zu machen: Alles verläuft doch normal. Kein Grund zur Beunruhigung. Auf Saras Wunsch untersucht sie den Muttermund, immer noch drei Zentimeter. Nils wirkt hilflos, ob er sie massieren soll? Ja und nein, lass mich. Die Stimmung ist nicht so gut. Sara ist gereizt, weil sie das Gefühl hat, Schwerstarbeit zu leisten, ohne dass es irgendeine Wirkung hat. Katja atmet jetzt mit ihr zusammen.

Noch ein Bad
Ob sie baden möchte? Sara nickt, sie tut alles, damit es endlich weitergeht. Zwischen zwei Wehen steigt sie in die große Wanne, Nils setzt sich zu ihr an den Rand. Die Wehen sind inzwischen richtig heftig, Sara atmet und quetscht dabei jedesmal Nils Hand. Eineinhalb Stunden später untersucht Katja noch einmal. Der Muttermund ist fünf Zentimeter auf. Sara hat wieder das Gefühl, es geht vorwärts. Sie will rumlaufen, aber manchmal knicken ihr die Beine weg, wenn wieder eine Welle über sie drüberrollt.

Der Endspurt
Sara atmet und Nils zählt die Sekunden mit: Zehn Sekunden vorbei, jetzt 20, 30, gleich hast du's geschafft. Das hilft Sara. Denn jede Wehe ist auch irgendwann zu Ende. Nach zwei Stunden tastet Katja noch einmal: Sieben Zentimeter, das geht doch prima voran. Sara ist erschöpft. Katja ruft die zweite Hebamme an, die bei jeder Geburt mit von der Partie ist. Sie soll sich langsam auf den Weg machen. Nebenbei richtet Katja den Wickeltisch her und legt Tücher und Windeln bereit.

Die letzten Zentimeter
Nils hat das Gefühl, überflüssig zu sein und überlässt es der Hebamme, Sara zu massieren. Der Muttermund ist acht Zentimeter auf. Bald kommt das Kind, sagt Katja. Nichts mehr mit sanftem Heranrollen. Die Wehen sind inzwischen so kräftig, dass Sara glaubt, von riesigen Brechern überwältigt zu werden. Unkoordiniert stürzen sie über sie herein und lassen sie nur japsend nach Luft schnappen. Nils hilft ihr immer wieder dabei, ihren Rhythmus zu finden. Noch eine Stunde vergeht.

Das Köpfchen ist zu sehen
Katja macht Sara eine Akupunktur am Knöchel. Auch das trägt dazu bei, die Wehen besser zu verkraften. Der Druck wird größer. Sie setzt sich jetzt auf den Gebärhocker, Nils stützt sie am Rücken. Sara hat das Gefühl, zwei große Hände drücken in ihrem Inneren etwas nach unten. Es drückt, ganz ohne ihr Zutun. Katja untersucht noch einmal. Ich kann die Haare schon sehen. Aber Sara ist zu erschöpft, um zu lächeln. Sie hat auch die zweite Hebamme kaum bemerkt. Fass das Köpfchen mal an, Sara, sagt Katja. Tatsächlich ertastet sie zwischen ihren Beinen flaumige Haare. Da kommt auch schon die nächste Wehe, doch diesmal spürt Sara neue Kraft.

Das Baby kommt an
Immer wieder rutscht das Köpfchen zurück. Die Wehen, glaubt Sara, tun gar nicht mehr so weh, dafür brennt es höllisch zwischen ihren Beinen. Das ist der Dehnungsschmerz, sagt Katja. Wie Katja da vor ihr hockt im Schneidersitz und zwischendurch die Herztöne des Kindes abhört, fühlt sich Sara sicher. Solange kann mir nichts passieren, geht ihr durch den Kopf.

Dammschutz mit Wärme
Nils erzählt ihr später, wie die zweite Hebamme Katja einen Waschlappen gereicht hat, der mit heißem Wasser getränkt ist. Als Dammschutz. Der Waschlappen wird gegen den Damm gehalten. Dadurch wird das Gewebe durchblutet und das Risiko, dass der Damm reisst, ist kleiner. Außerdem tut die Wärme gut und signalisiert der Frau: Dahin musst du schieben. Mit der nächsten Wehe flutscht schon das Köpfchen heraus und dann auch Schultern und der gesamte Körper. Lisa-Marie ist angekommen. Es ist 16.30 Uhr.

Abgenabelt
Katja gibt Sara ihre Tochter in den Arm. Sie spürt nur noch am Rande, wie ihr die Beine vor Anstrengung zittern. Vorsichtig streichelt sie ihr Kind, das sie aus großen Augen ernsthaft anschaut. Nils hat Tränen in den Augen. Die beiden haben gar nicht bemerkt, dass die beiden Hebammen den Raum verlassen haben. Nach einer halben Stunde kommt Katja wieder und untersucht Lisa-Marie. Sie zeigt Nils, wie er seine Tochter abnabeln kann, jetzt, wo die Nabelschnur auspulsiert ist. Die nächsten Wehen drücken die Nachgeburt heraus. Katja untersucht die Plazenta. Ist sie nicht vollständig, kann es zu Blutungen kommen. Nils hilft Hebamme Simone dabei, Lisa-Marie zu wiegen und zu messen. Dann liegt sie auch wieder auf dem Bauch ihrer Mutter und alle drei im Bett. Als Lisa-Marie ihre kleine Faust in den Mund steckt, hat sie das Signal fürs Stillen gegeben: Sie nuckelt das erste Mal an der Brust.

Nachsorge
Drei Stunden sind nach der Geburt vergangen. Das Baby ist angezogen - Mütze nicht vergessen - die Sachen gepackt. Die Familie fährt nach Hause. Es ist bereits Abend. Vor etwa 16 Stunden haben sie im Geburtshaus geklingelt. Gleich morgen Vormittag wird Christine, Saras Wochenbetthebamme, nach der jungen Familie schauen. Die Wochenbetthebamme kommt so lange wie sie benötigt wird nach Hause, um Mutter und Kind zu versorgen. Anspruch besteht acht Wochen nach der Geburt sowie die gesamte Stillzeit. Diese Kosten werden von der Krankenkasse getragen.

Michaela Böhm (Journalistin)